Zeltproteste gegen Wohnungsnot und hohe Mieten in Madrid
Reportage Madrid Zeltproteste gegen Wohnungsnot und hohe Mieten Stand: 28.09.2026 • 03:22 Uhr
Der Fall einer 87‑Jährigen, die nach Jahrzehnten ihre Wohnung verlassen muss, bewegt Spanien. 25.000 Menschen demonstrierten in Madrid an diesem Wochenende gegen die Wohnungskrise. Ein Protestcamp erinnert an die Bewegung der Empörten vor 15 Jahren.
"Geierfonds enteignen", steht auf einem Transparent im Zentrum von Madrid, auf einem anderen: "Befreit unsere Städte aus den Händen der Spekulanten". Bevor der Protestzug am Samstag loszieht, trägt Alicia del Río die Forderungen der Vereinigung Mieterinnengewerkschaft vor: Man wolle vor allem unbefristete Mietverträge.
"Die Mietverhältnisse müssen stabil werden. Alle Verträge müssen sich automatisch verlängern. Die Mieten müssen zudem eingefroren werden, wenn sich unsere Einkommen nicht erhöhen", sagt sie. Außerdem dürfe es keine Zwangsräumungen geben, ohne dass den Betroffenen eine alternative Wohnung angeboten werde.
Bei mehr als 23 Euro pro Quadratmeter liegen die Mieten in Madrid, so das Immobilienportal idealista.com, so hoch wie nirgends sonst in Spanien - das sind mehr als 1.150 Euro für 50 Quadratmeter und 60 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.
So rücken viele in Madrid eng zusammen und teilen sich die Miete, so auch María, die mit ihrem Sohn im Kinderwagen an der Kundgebung teilnimmt. "Wir wollten uns eine Wohnung kaufen, aber das klappte nicht. Jetzt zahlen wir eine Miete von 1.500 Euro. In einem Zimmer lebe ich mit Partner und Kind, in einem anderen der Mitbewohner", erzählt sie.
Die Bilder von der Zwangsräumung der 87-Jährigen lösten in Spanien eine Welle der Empörung aus.
Es sind nicht die ersten Proteste, aber jetzt ist daraus ein Sturm der Entrüstung geworden. Auslöser ist die Zwangsräumung der Wohnung der 87-jährigen Rentnerin Maricarmen Abascal letzte Woche. Sanitäter trugen die schwerbehinderte Rentnerin aus dem Haus.
Investoren hatten die Wohnung gekauft und die Miete von 440 Euro auf 1.650 Euro erhöht - deutlich über ihrer Rente. Da sie nicht zahlen konnte, beantragten die Investoren die Zwangsräumung.
Zehntausende forderten besseren Mieterschutz. Die 87-Jährige musste ihre Wohnung nach 70 Jahren räumen. mehr
Viele der Protestierenden sind nach der Kundgebung nicht mehr nach Hause gegangen, sondern haben auf dem zentralen Madrider Platz Puerta del Sol gecampt. Sie wollen bleiben, bis ihre Forderungen erfüllt sind, sagen sie. Die Zeltstadt wuchs am Sonntag beachtlich.
Schlecht habe sie geschlafen, der Boden sei hart, sagt Paula Rodríguez nach der ersten Nacht. Aber sie lächelt zufrieden, es sei ein historischer Moment. Ihr Partner Carlos Rubio sagt: "Hier geht es nicht um rechts oder links. Hier geht es um das dringendste Problem dieses Landes. Und die Politik sagt, man könne nichts machen? Hat die Regierung nicht auch den Strommarkt reguliert oder jetzt die Benzinpreise? Dieses Thema brennt uns unter den Nägeln. Wenn die Parteien das nicht sehen, sind sie politisch erledigt."
Die Zeltstadt auf dem zentralen Madrider Platz Puerta del Sol wuchs am Sonntag beachtlich.
Der Protest erinnert an die Bewegung der Empörten, die in Spanien "15-M" genannt wird. Denn an einem 15. Mai begannen vor 15 Jahren auf demselben Platz und auf ganz ähnliche Weise die Proteste gegen die Folgen der Immobilienkrise. Der "15-M" war ein Wendepunkt, und dies sei jetzt auch ein Wendepunkt, glaubt der 30-jährige Carlos.
Denn die Proteste zogen sich damals über Monate hinweg, die linkspopulistische Partei Podemos ging daraus hervor. Für Ministerpräsident Pedro Sánchez ist die Situation also heikel. Er hat nun zwar für Dienstag ein Dekret gegen Zwangsräumungen angekündigt. Doch seine Sozialisten haben im Parlament keine Mehrheit und müssen sich auch mit der bürgerlichen katalanischen Separatistenpartei Junts abstimmen.
An deren Widerstand war erst im Januar ein ähnliches Dekret gescheitert. Für diesen Fall hält sich die Mieterinnengewerkschaft offen, im Zentrum von Madrid notfalls auch länger zu zelten.
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Zelten gegen die Wohnungsnot - Proteste in Madrid | 27.09.2026 | 03:08 Uhr

