Warum ein Studium keine Jobgarantie mehr ist
Ausbildung oder Uni? Warum ein Studium keine Jobgarantie mehr ist Stand: 06.10.2026 • 06:23 Uhr
Hunderttausende Menschen hierzulande haben einen Uniabschluss und trotzdem keinen Job. Dabei galt lange: Wer studiert, hat später die besten Berufsaussichten. Doch diese Gewissheit bröckelt.
Ein Studium als Garantie für einen sicheren Job? Diese Rechnung geht in Deutschland gerade nicht mehr auf. Denn hierzulande waren 2025 laut Bundesagentur für Arbeit rund 335.000 Menschen mit Uniabschluss arbeitslos - ein trauriger Rekord. Die Arbeitslosenquote bei Akademikern lag damit im vergangenen Jahr bei 3,3 Prozent.
Das klingt im Vergleich zur allgemeinen Arbeitslosenquote gering, lag sie doch für das Gesamtjahr 2025 bei 6,3 Prozent. Aber vor der Corona-Pandemie lag die Arbeitslosenquote unter Akademikern noch bei nur 2,1 Prozent. Der Anstieg auf 3,3 Prozent ist ein Sprung um 57 Prozent. Werte über drei Prozent bei der Akademiker-Arbeitslosenquote gab es zuletzt 2007.
Diese Zahlen zeigen: Die aktuelle Krise trifft inzwischen auch jene, die von Konjunktureinbrüchen früher verschont blieben, erklärt der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber dem ARD-Finanzformat 50k: "In den letzten Jahren sehen wir, auch Akademiker sind nicht mehr immun gegen die Krise."
Das hat verschiedene Gründe: so sorgen einerseits Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz dafür, dass auch in "typischen Schreibtischjobs" die menschliche Leistung immer mehr in den Hintergrund rückt und die KI "immer mehr Tätigkeiten übernehmen" könne, so Weber.
Es gibt aber auch noch eine andere Ursache: Es gibt schlicht viel mehr Studierende als früher. Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der Studierenden hierzulande deutlich. 2014 gab es bereits 2,7 Millionen Studierende und 1,43 Millionen Azubis, zehn Jahre später sogar schon 2,9 Millionen Studierende und nur noch 1,21 Millionen Azubis.
Studieren war lange attraktiv, auch weil die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg massiv auf mehr Bildung setzte. Mit zusätzlichen Gymnasien und Unis wollte man - durch bessere Bildung - auch die Wirtschaft stärken. Denn es wurden immer mehr Ingenieure, Naturwissenschaftlerinnen, Ökonomen und andere Fachkräfte gebraucht.
In Engpassberufen sind Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte überdurchschnittlich stark vertreten. mehr
Mittlerweile gibt es den Fachkräftemangel aber vor allem in Ausbildungsberufen: Sogenannte Engpassberufe - das sind laut Bundesagentur für Arbeit Jobs, in denen Stellen besonders lange frei bleiben - sind eher klassische Ausbildungsberufe wie Elektroniker, Berufskraftfahrer oder Pflegekräfte. Die Bundesagentur für Arbeit zählt inzwischen 163 Berufe, in denen es schwer ist, offene Stellen zu besetzen.
Und das Problem dürfte sich in den kommenden Jahren noch verstärken, wenn mit den Babyboomern eine ganze Generation in Rente geht. Über alle Berufe hinweg sind laut dem Statistischen Bundesamt etwa 25 Prozent der Beschäftigten 55 Jahre oder älter. Bei Bus- und Straßenbahnfahrern liegt dieser Anteil bei 44 Prozent, in manchen Handwerks- und Pflegeberufen sieht es ähnlich aus. Eigentlich wäre das also eine gute Gelegenheit für junge Menschen.
Doch viele Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt: Laut dem Bundesinstitut für Berufsausbildung blieben im Ausbildungsjahr 2025 rund 54.400 Ausbildungsstellen ohne passende Bewerber. Wer heute eine Ausbildung macht, hat also in vielen Regionen mehr Auswahl als jemals zuvor.
Und nicht nur die große Auswahl klingt wie ein Pro-Argument für die Ausbildung: Wer aktuell in einem Engpassberuf eine Ausbildung macht, hat zum Beispiel auch gute Chancen bei der Gehaltsverhandlung - die Fachkräfte werden schließlich dringend gebraucht.
Trotzdem schneiden Studierte im direkten Vergleich der monatlichen Gehälter nach wie vor besser ab. So liegt der Bruttomonatsverdienst für einen Master-Absolventen laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich bei 7.019 Euro. Ein Meister kommt demnach nur auf einen Bruttomonatsverdienst von durchschnittlich 5.405 Euro.
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der gestarteten dualen Ausbildungen weiter zurückgegangen. mehr
Menschen, die eine Ausbildung machen, haben finanziell dennoch einen entscheidenden Vorteil: Sie arbeiten in aller Regel deutlich früher als Menschen, die studieren. Wer eine dreijährige Ausbildung zur Mechatronikerin macht, bekommt schon ein Gehalt, während Studenten im Bereich Maschinenbau zunächst drei Jahre für den Bachelorabschluss brauchen und danach noch den Master machen. Studenten sind also deutlich älter, wenn sie beginnen, in ihrem gewählten Beruf zu arbeiten.
Auszubildende hingegen verdienen schon Jahre vorher Geld, zahlen in die Rentenkasse ein, können sparen und investieren. In einigen Fällen kann so ein Einkommensvorsprung im sechsstelligen Bereich entstehen, bevor der mit akademischem Abschluss überhaupt wirtschaftlich aufholen kann.
Besonders in geisteswissenschaftlichen Fächern ist es für Absolventen häufig schwieriger, hohe Einkommen zu erzielen. Deshalb betont Experte Weber auch: "Hier kommt es sehr auf den einzelnen Fall an." Anders sei es etwa bei Medizinern oder Juristen. Da gelte noch immer die alte Regel: "Über die Lebenszeit verdienen Akademiker am Ende im Schnitt immer noch deutlich mehr als Fachkräfte", so Weber.
Die Anforderungen sind rasant im Wandel, besonders wegen KI - doch der Jobmarkt kommt nicht hinterher. mehr
Es gibt aber auch noch einen dritten Weg, den junge Menschen wählen können: das duale Studium. Es verbindet Praxisphasen im Betrieb mit Theoriephasen an der Hochschule. Studierende machen oft gleichzeitig einen Berufsabschluss und einen Bachelor. Das ist ziemlich anspruchsvoll, Ferien gibt es meist kaum.
Weil duale Studenten bei einem Unternehmen angestellt sind, erhalten sie ein Gehalt, das laut Karriere- und Studienratgebern zwischen etwa 1.000 und 1.600 Euro monatlich liegen kann. Oft übernimmt der Betrieb auch die Studiengebühren und bietet nach dem Abschluss direkt einen festen Job an - ohne lange Bewerbungsphasen.
Deshalb ist es auch beliebt: "Das duale Studium hat im sechsstelligen Bereich deutlich zugelegt", sagt Enzo Weber zur Zahl dualer Studierender. Der Grund sei klar: man könne "unmittelbare Praxis kombinieren mit übergreifenden, abstrakteren Fähigkeiten, die man im Studium erlernt".
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Und genau diese Mischung werde in Zeiten von KI wichtiger - Lernfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln. Denn die Verunsicherung durch KI ist groß, gerade bei Akademikern. KI übernimmt Aufgaben, die lange als typische Tätigkeiten für Wissensberufe galten: Daten analysieren, Texte erstellen, Übersetzungen anfertigen. Für viele Fachkräfte dagegen ist KI eher ein Werkzeug, das den Alltag erleichtert, aber weniger direkt den Job ersetzt.
Auch in Wissensberufen sei es aber wichtig, KI nicht nur als Bedrohung zu sehen, betont der Arbeitsmarktforscher: "Es ist ein Umbruch und kein Einbruch." KI verdränge zwar bestimmte Tätigkeiten, gleichzeitig entstünden neue Geschäftsmodelle, neue Aufgaben und neue Nachfrage. Entscheidend sei, zu fragen: "Wie wird KI eigentlich in Jobs eingesetzt?" Es sei wichtig, nicht nur "darauf zu schauen, was KI übrig lässt, sondern welche neuen Tätigkeiten sind für Menschen möglich in der Zukunft".
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Das bedeutet auch: Nur weil gerade mehr Akademiker arbeitslos sind, heißt das nicht, dass sich ein Studium plötzlich nicht mehr lohnt. Weber kritisiert, dass es in der Vergangenheit zwei große Denkfehler gab: "Lange Jahre haben wir den Fehler gemacht, grundsätzlich immer zur Höherqualifizierung zu raten, also immer in Richtung Studium. Danach haben wir lange Jahre den Fehler gemacht, über eine angebliche Überakademisierung zu klagen - und beides ist der falsche Weg."
Entscheidend sei, herauszufinden, in welchem Beruf man sich langfristig weiterentwickeln möchte. Fachleute wie Weber gehen davon aus, dass man in Zukunft vor allem drei Dinge kombinieren muss, um im Job gut klarzukommen: ein solides Fachwissen, praktische Erfahrung und die Fähigkeit, mit KI und digitalen Werkzeugen produktiv umzugehen.
Ob dieser Mix über eine Ausbildung, ein Studium oder ein duales Modell entsteht, ist am Ende weniger entscheidend als die Bereitschaft, dazuzulernen - und sich nicht von alten Vorstellungen abschrecken zu lassen. Vielleicht wird die Frage "Studium oder Ausbildung?" also ohnehin weniger wichtig.
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | 50K: Studium vs. Ausbildung: Womit kann ich noch Geld verdienen? | 01.10.2026 | 10:48 Uhr


