Viele mutige Motive beim Jugendfotopreis 2026
Jugendfotopreis 2026 "Mutig, engagiert und politisch" Stand: 02.10.2026 • 16:06 Uhr
1.236 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben Bilder für den Deutschen Jugendfotopreis eingereicht. Die Jury ist beeindruckt vom politischen Mut der jungen Generation - von starken Statements ohne aufdringliche Bekenntnisse.
Lina auf dem Boden eines Zimmers, fotografiert durch eine Glastür, in der sich Äste spiegeln. Das Schwarz-Weiß-Foto gehört zur Serie "Lina" von Anna Lotta Maria Schulze. Die 22-Jährige studiert an der Hochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie.
Ein halbes Jahr lang hat sie ihre jüngere Schwester mit der Kamera begleitet. Herausgekommen ist ein Fotobuch über eine innige Beziehung. Schulze hat es für ihre Schwester gemacht - und nicht über sie. Vertrauen sei für ihre Arbeit das Allerwichtigste, sagt die Fotografin.
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Schulze hat einen der 40 Preise des Deutschen Jugendfotopreises 2026 gewonnen. 1.236 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre hatten Fotoarbeiten eingereicht. Ausgerichtet wird der bundesweite Wettbewerb vom Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum, gefördert vom Bundesfamilienministerium. Seit mehr als 60 Jahren gibt er dem fotografischen Nachwuchs eine Bühne.
Was macht junge Fotografie heute aus? "Das lässt sich gar nicht mehr so beantworten", sagt Karen Fromm, Foto-Professorin an der Hochschule Hannover. Als sie 2011 anfing, sei die klassische Reportage noch der Kern gewesen. Heute sieht sie "ein großes Nebeneinander": dokumentarische Langzeitprojekte, inszenierte Serien, stille Beobachtungen.
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Katharina Klapdor Ben Salem, Leiterin des Deutschen Jugendfotopreises, ist beeindruckt, "wie mutig, engagiert und wie politisch" die Arbeiten sind. Auch Social Media und KI beeinflussen den Blick. Klapdor Ben Salem beobachtet deutlich mehr Hoch- als Querformate bei den Einsendungen, für sie ein Einfluss von Instagram und Smartphone-Fotografie.
Zugleich reicht das Spektrum bis zu analogen Verfahren und selbstgebauten Lochkameras. Fromm sieht darin keinen Widerspruch: Gerade weil Bilder heute ständig digital entstehen und verbreitet werden, wachse bei jungen Menschen auch das Interesse am bewussten Fotografieren, an analogen Techniken, Materialien und Experimenten.
Bei Anna Lotta Maria Schulze beginnt das in der eigenen Familie. Lina hat eine schwere Behinderung. Doch darum sollte es gerade nicht gehen, sagt Schulze. Im Kern ist die Beziehung der Schwestern das Thema.
Das Foto mit Lina hinter der Glastür spielt mit dem Innen und Außen. Auf einem anderen Foto blickt sie beim Frisieren in den Spiegel. Die Schwarz-Weiß-Fotografie reduziert, lenkt den Blick auf Gesten und Momente.
Die eigentliche Arbeit: den richtigen Moment abpassen. Lina merke sofort, wenn sich ihre Schwester nicht mehr mit ihr beschäftige, sondern mit dem Fotografieren, sagt Schulze. Doch sie solle sich nie unwichtig fühlen.
Das Projekt nennt die Fotografin heute ihren Startpunkt. Egal, mit wem man arbeite, es komme darauf an, Vertrauen und Respekt zu wahren. Karen Fromm erlebt, dass viele Studierende solche Fragen schon mitbringen: Welche Rolle habe ich als fotografierende Person? Was darf ich zeigen? Und in welchem Verhältnis stehe ich zu den Menschen vor der Kamera?
Jasper Hill: "Theater vor der Kalihalde". Bei den "Kalimandscharo-Festspielen" wird die vom Bergbau geprägte Landschaft selbst zur Kulisse.
Unter den 40 Gewinnern ist auch Jasper Hill, der in eine Welt blickt, die ihm fremd war. Der 22-Jährige studiert ebenfalls in Hannover. Für seine Serie "Im Land der weißen Berge" hat er sich mehr als anderthalb Jahre mit dem Kalibergbau beschäftigt. Dafür reiste er nach Thüringen und Niedersachsen. Der Bergbau prägt dort Landschaften und den Alltag ganzer Regionen.
Sein Foto einer Theateraufführung vor mächtiger, weißer Kalihalde überrascht: das Publikum auf einfachen Stühlen vor einer offenen Bühne, dahinter erheben sich die mächtigen Salzberge. Ein anderes Bild führt 750 Meter unter die Erde. Im gleißenden Gegenlicht arbeitet sich ein Schaufellader durchs Gestein. Technik und Landschaft, Arbeit und Alltag gehören in Hills Serie zusammen.
Jasper Hill: 750 Meter unter Tage: Ein elektrischer Schaufellader kippt gesprengtes Rohsalz auf den Vorbrecher.
Zur Fotografie kam er über das Gerät selbst. Mit 14 oder 15 habe ihn vor allem interessiert, was eine Kamera kann, erzählt er. Heute reizt ihn mehr das Journalistische: recherchieren, Menschen treffen, Orte kennenlernen, zu denen er sonst keinen Zugang hätte. Damit verlässt Hill, was Karen Fromm die Komfortzone nennt. Bei vielen Studierenden beobachtet sie das Gegenteil: Sie blieben lieber nah bei Menschen, mit denen sie sich identifizieren könnten.
Nele David, eine weitere Gewinnerin, fotografiert einen Kosmos, den sie aus eigener Erfahrung kennt. In "Start with Bismillah - im Namen Gottes" porträtiert die 22-jährige Preisträgerin, die selbst zum Islam konvertiert ist, muslimische Freundinnen und ihren gemeinsamen Alltag. Begonnen hat sie dabei analog, später kamen Digitalkamera, Blitz und Inszenierungen zum Einsatz.
Nele David: Zwischen Inszenierung, Nähe und Alltag. Junge muslimische Frauen
Eine Aufnahme zeigt zwei vollverschleierte Frauen in Sneakers von hinten, beschwingt auf dem Weg in ein Geschäft. Glaube erscheint hier als Alltag: Freundschaft, Mode, ein gemeinsamer Einkauf.
David breche "viele Klischees, die es über junge Muslima gibt", sagt die Leiterin des Deutschen Jugendfotopreises, Katharina Klapdor Ben Salem. Manche politische Debatten gingen an diesen Realitäten "total vorbei". In den Porträtserien des Jahrgangs sieht sie eine bewusste Auseinandersetzung mit der Frage, "wer was wie zeigt, warum und wofür".
Zu den Siegerinnen gehört auch Frieda Wagner aus Karlsruhe. Sie fotografiert sich selbst. Die 21-Jährige lebt mit ME/CFS. Bei dieser schweren, chronischen Erkrankung können schon kleine Anstrengungen die Beschwerden massiv verschlimmern. Seit zwei Jahren, schreibt sie, verbringe sie jeden Tag zuhause im Bett.
Mehr als 150 Smartphone-Aufnahmen: Frieda Wagner dokumentiert ihr Leben mit ME/CFS in Selbstporträts.
Diese Realität wollte sie dokumentieren. Also begann sie, mit dem Smartphone Selfies zu machen. Sie inszenierte nichts aufwendig und fotografierte sich immer dann, wenn ihr danach war. So entstand die Serie "Ich will, was für dich selbstverständlich ist", inzwischen mehr als 150 Bilder.
Eines zeigt sie von oben, im Bett unter einer hellgrauen Decke, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Auf einem anderen sitzt sie draußen im Rollstuhl. Anders als Anna Lotta Maria Schulzes Serie über die Schwester löst hier die Porträtierte selbst aus. Sie entscheidet, wie viel sie von ihrer Krankheit preisgibt.
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Klapdor Ben Salem nennt solche Arbeiten ein Beispiel für den Mut dieses Jahrgangs. Persönliches wird öffentlich, ohne dass daraus automatisch Bekenntnisfotografie wird. Die Bilder behaupten auch nicht, für alle zu sprechen. Sie zeigen eine konkrete Lebensrealität.
Vier Serien, vier sehr unterschiedliche Blickwinkel. Das ist eine Momentaufnahme dieses Jugendfotopreises. Junge Fotografie 2026 ist durch die bewusste Entscheidung geprägt, wohin die Kamera schaut, wie nah sie einem Menschen kommen darf und aus welcher Position heraus jemand erzählt.
Dieses Thema im Programm: NDR Kultur | Der Morgen | 01.10.2026 | 06:40 Uhr