Pianist Leon Fleisher: Nachruf auf die linke Hand Gottes - WELT
Vor dem Unglück: Leon Fleisher 1961Quelle: picture alliance / Courtesy EverLeon Fleisher war ein begnadeter Pianist – bis seine rechte Hand nicht mehr mitspielen konnte. Es hinderte ihn nicht. Fleisher wurde zum Genie mit links – und führte ein Stück auf, das eigentlich verloren schien. Jetzt ist er gestorben.
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Es war ein Auftritt für die Musikgeschichtsbücher. 2004 spielte mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle der damals 74 Jahre alte Pianist Leon Fleisher die Uraufführung eines 82 Jahre zuvor komponierten Stücks von Paul Hindemith. Die hatte es in sich – musikalisch wie historisch, war sie doch von dem notorisch komplizierten Paul Wittgenstein in Auftrag gegeben worden.
Der war der Klavier spielende, aber in Folge einer Kriegsverletzung einarmige Bruder des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Als einer der reichsten Männer Wiens verwandelte er seine körperliche Not in eine mäzenatische Tugend und bestellte seit Anfang der Zwanzigerjahre bei den bekanntesten Tonsetzern seiner Zeit eine ganze Repertoirepalette von Pianowerken für die linke Hand – zu exklusiver Nutzung.
Wenn auch vielleicht nicht mit seinem Spiel – das freilich aufgrund der in diesen Stücken zu bewältigenden Schwierigkeiten ein außerordentliches gewesen sein muss –, so ist Paul Wittgenstein doch durch diese Kompositionen in die Musikgeschichte eingegangen. Er orderte bei Maurice Ravel, Sergej Prokofjew, Richard Strauss, Erich Wolfgang Korngold und Benjamin Britten.
Von diesem eindrücklich-eigenwilligen Werkkatalog profitiert haben alle Pianisten, insbesondere aber die beiden Amerikaner Gary Graffman und Leon Fleisher, die aufgrund von nervlichen Erkrankungen nur noch ihre linke Hand benutzen konnten. So wie jüngst auch der chinesische Tastensuperstar Lang Lang aufgrund einer Überbelastung eine Zeitlang nicht spielen konnte.
1923 war auch eine Wittgenstein-Kommission an Paul Hindemith ergangen, aufsteigender Stern am Himmel der neuen Sachlichkeit mit einem Hang zum Experimentell-Expressiven. Der 28-Jährige lieferte als Opus 29 eine Klaviermusik mit Orchester für die linke Hand. Und Wittgenstein bezahlte, aber spielte das Werk nie: Er mochte es nicht (genauso wenig übrigens wie die Stücke von Ravel und Prokofjew). Angeblich soll Hindemith nach einem Streit mit seinem Auftraggeber die Partitur in die Salzach geworfen haben.
Der Lehrer: Leon Fleisher im Jahr 2012Quelle: picture alliance / dpaErst 2002, nach einer obskuren, in einem staubigen Lagerhaus in New York endenden Odyssee, kam die Nachwelt an die Noten. Und Leon Fleisher spielte den Zwanzigminütiger mit souveräner Allüre: Da hämmert Hindemith als lebenspralle Aufbruchsanarchie einer noch jungen Weimarer Republik, da zeigt ein Kraftkerl seine Krallen. Ein grandioses Stück wurde blendend vorgetragen.
Dabei hätte Leon Fleisher damals bereits längst wieder zweihändig spielen können. Denn seit einigen Jahren hatte er seinen Lapsus im Griff – dank der Behandlung mit Botox. Eine wunderbare, altersmeisterliche dritte Karriere hatte begonnen – die ihn auch ab und an wieder nach Deutschland führte, obwohl dieser auch in Europa hochgeachtete Pianist weitgehend ein Amerikaner geblieben ist.
Zu seinem 85. Geburtstag am 23. Juli 2013 hat seine langjährige Plattenfirma Leon Fleisher ein schönes Geschenk gemacht: eine 23-CD-Box seiner kompletten Aufnahmen für Epic, Columbia, CBS und eben Sony, entstanden zwischen 1954 und 2009. Denn das 1928 in San Francisco geborene Wunderkind, das mit 16 Jahren beim New York Philharmonic Orchestra debütierte und 1952 den belgischen Reine-Elisabeth-Wettbewerb gewann, hatte sich zu einem besonderen Klavierspieler entwickelt.
Dank seiner perfekten Technik und seiner unpathetischen, nüchternen, aber nie trockenen, bei Arthur Schnabel geschulten Interpretationshaltung, die im Amerika der Nachkriegsjahre ungewöhnlich klare, kristalline, aber auch europäisch weiche Schubert-, Brahms- oder Mozart-Aufnahmen entstehen ließ.
So reifte er schnell zu einem der führenden Vertreter der damals noch jungen, von europäischen Lehrern ausgebildeten amerikanischen Pianistenschule heran, so wie dann auch William Kapell und Julius Katchen, Gary Graffman, Byron Janis und später Andrew Watts.
Auf dem Höhepunkt angelangt, musste er sich in den Sechzigerjahren wegen seiner Erkrankung vom Podium zurückziehen. Fortan unterrichtete er. Später trat er dann mit der nicht unerheblichen Literatur für die linke Hand auf. 1998 konnte er freilich wieder mit zwei funktionstüchtigen Händen zurück in die Konzertsäle – drei wunderbar frei phrasierte, dabei stets fein ausbalancierte Mozart-Konzerte zeugen auf CD davon.
Neben Fleishers nie aus den Katalogen verschwundenen Konzertklassikern von Brahms und Beethoven, Grieg und Schumann, Franck und Rachmaninow, alle unter dem ihm im appollinisch-strengen Temperament ähnlichen George Szell mit dem Cleveland Orchestra, fand sich in der Jubiläumskiste so manche interessante Soloeinspielung.
Da gibt es einen lyrisch-zurückhaltenden, metrisch eindeutigen Schubert, majestätische Brahms-Stücke inklusive einer Auswahl der Liebesliederwalzer mit Rudolf Serkin und einem nicht ganz ausgeglichenen Vokalquartett vom Malboro-Festival, klangscharfe deutsche Romantik, nervösen Impressionismus, die berühmte Einspielung des Brahms-Klavierquintetts mit den Juilliards, aber auch eine spannende Auswahl zeitgenössischer amerikanischer Klaviermusik und eine sehr schöne CD mit Hindemith-Orchesterwerken aus dessen internationaler Periode.
Das Brahms-Quintett hat er ein weiteres Mal mit dem Emerson Quartet festgehalten. Das Hindemith-Klavierkonzert aber hat Leon Fleisher 2009 für Ondine aufgenommen. Auch diesmal unterstreicht er mit seinem treibenden Rhythmus das großstädtische Flair dieser im brodelnden Berlin entstandenen Partitur. Christoph Eschenbach und das Curtis Symphony Orchestra liefern den stylish schillernden Klanguntergrund.
Immer wieder hat der neuerlich zweihändig spielende Leon Fleisher an seine einhändige Zwischenkarriere erinnert: Etwa wenn er als Zugabe die Bach-Arie „Schafe können sicher weiden“ in der Version Egon Petris mit links intonierte. Ein Moment der Demut und der Kontemplation, ein Mantra. Jetzt ist Leon Fleisher am 2. August in Baltimore gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

