Nepal nach der Flutkatastrophe: "Die ganze Lebensgrundlage ist weg"
Nepal nach der Flutkatastrophe "Die ganze Lebensgrundlage ist weg" Stand: 28.09.2026 • 10:46 Uhr
Einen Monat nach der verheerenden Flut kämpfen die Menschen in Nepal noch immer gegen Schlamm, Zerstörung - und mit dem Verlust von Angehörigen. Tausende werden noch vermisst und die Angst vor der nächsten Katastrophe bleibt.
Noch immer sind die Straßen von einer dicken Schicht aus grauem Schlamm, Erde und Geröll bedeckt. Vor einem Hauseingang steht Rajendra Pudasaini und beugt sich mit seiner Schaufel nach vorne: Schippe um Schippe trägt er die Erdmassen ab. Devighat, etwa 60 Kilometer von Nepals Hauptstadt Kathmandu, gehört zu den am stärksten von der Flut betroffenen Orten.
Seit 20 Jahren lebt Pudasaini hier. Er hatte Glück: Sein Haus steht noch. Erdgeschoss und Hof sind jedoch verwüstet und die Wasserversorgung zerstört. "Wir hoffen, dass wir hier wieder einziehen können", sagt er. "Aber die Erinnerung an die Flut ist noch da. Wir wissen nicht, ob es hier wirklich sicher ist."
Seine Nachbarn helfen ihm. Viele kommen tagsüber aus ihren Notunterkünften zurück, um ihre Häuser freizuräumen und nach Dokumenten und Wertsachen zu suchen. Auch Himal Mahat packt mit an. Mit gelber Warnweste gehört er zu den vielen freiwilligen Helfern, die die Folgen der Flut beseitigen. "Die beschädigten Häuser werden gereinigt", erzählt er. Aber niemand wisse, ob die Menschen hier wieder dauerhaft leben könnten. "Dafür brauchen wir zunächst einen Plan der Regierung."
Während Nepal selbst kaum Emissionen verursacht, wird das Land immer härter getroffen. mehr
Für das arme Land bedeutet die Katastrophe eine enorme wirtschaftliche Belastung: Die Regierung schätzt die Kosten des Wiederaufbaus auf umgerechnet mehr als vier Milliarden Euro - fast ein Zehntel der nepalesischen Wirtschaftsleistung. Straßen, Brücken sowie Energie- und Wassernetze wurden erheblich beschädigt. Allein rund 20.000 Häuser müssen wohl landesweit neu errichtet werden.
Auch einen Monat nach der verheerenden Flutkatastrophe seien die Menschen hier in Nepal noch immer weit von einem normalen Leben entfernt, sagt Tabea Seiz von der Welthungerhilfe in Kathmandu. Es seien ja nicht nur die Menschen betroffen, die ihr Haus oder Familienmitglieder verloren hätten, sondern auch andere: "Zum Beispiel Frauen, die Kleinunternehmerinnen sind, die vielleicht ihr Haus noch haben, aber das Geschäft ist nicht mehr da. Die ganze Lebensgrundlage ist weg."
Die meisten Menschen in der Region seien in der Landwirtschaft, im Tourismus oder im Kleinhandel tätig. "Und nach den ersten Schätzungen sind insgesamt 5.000 Kleinunternehmen betroffen und zerstört. Das heißt, eine ganze Wirtschaft in der Region ist nicht mehr da", so Seiz.
Am 26. August war eine gigantische Sturzflut durch das Grenzgebiet zwischen Nepal und der autonomen Region Tibet in China gerauscht. Mehr als 1.400 Menschen starben, 6.000 Menschen werden noch immer vermisst. Besonders schwer wiegen die Folgen für Kinder - viele haben ihre Eltern verloren und sind nun auf sich allein gestellt.
"Es gibt viele Familien, in denen entweder nur noch Kinder da sind, oder nur noch Kinder und Großeltern", erklärt Tabea Seiz von der Welthungerhilfe. "Wir haben vor allen Dingen in den ersten Wochen natürlich Nahrungsmittelpakete und Hygiene-Kits an Familien verteilt, sind aber auch dabei, gerade für Kinder psychosoziale Beratungen bereitzustellen, und auch temporäre Lernunterkünfte mit aufzubauen, so dass Kinder auch weiterhin zur Schule gehen können, auch in den Regionen, wo die Schulen zerstört wurden."
Nach Angaben der Regierung löste eine Eis- und Felslawine etwa 20 Kilometer flussaufwärts des Grenzübergangs Rasuwagadhi die Katastrophe aus.
Nepals Regierungschef Balendra Shah sprach vergangene Woche in seiner Rede bei der UN-Generaldebatte in New York von einer "Warnung an die Welt": "Wir politischen Verantwortlichen haben es versäumt, diese Warnungen mit der nötigen Geschwindigkeit und in dem erforderlichen Umfang in konkrete Maßnahmen umzusetzen, die die gefährdeten Menschen brauchen." Ein sich erwärmendes Klima destabilisiere das empfindliche Ökosystem des Himalaya. "Nepal trägt weniger als 0,1 Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Wir haben diese Krise nicht verursacht. Und dennoch zahlen wir einen gewaltigen Preis dafür."
Shah rief die internationale Gemeinschaft auf, seinem Land Zuschüsse und andere finanzielle Hilfe zu gewähren statt Kredite, die zurückgezahlt werden müssten.
Für Betroffene wie Rajendra Pudasaini bleibt im Moment nur die Hoffnung, dass sie irgendwann in ihre Häuser zurückkehren können. Mehr können sie im Moment nicht tun: "Wir hoffen, dass das Flussufer befestigt und unsere Siedlung wiederhergestellt wird. Dann könnten die Menschen hier sicher weiterleben." Doch bis die Region sich von der Katastrophe erholt hat, dürften wohl noch Jahre vergehen.
Dieses Thema im Programm: tagesschau24 | Nachrichten | 28.09.2026 | 09:00 Uhrtagesschau.de | Nepal ein Monat nach der Flutkatastrophe | 28.09.2026 | 09:35 UhrNDR Info | Nachrichten | 28.09.2026 | 11:25 Uhr


