Labour-Parteitag: Premier Burnham und sein Plan für den Norden
Europamagazin Labour-Parteitag Premier Burnham und sein Plan für den Norden Stand: 27.09.2026 • 12:26 Uhr
Andy Burnham ist keine 100 Tage im Amt, da steht sein erster Labour-Parteitag als Premierminister an. Er will die Briten für sich gewinnen - auch mit Geld und Einfluss für den Norden.
Die Liste der Themen, die Andy Burnham abarbeiten muss, ist lang: hohe Energiepreise, eine schwächelnde Konjunktur, Migration, Europapolitik, Sicherheitspolitik. Und dann ist da noch der Druck von rechts, wo die Partei Reform UK Erfolge feierte.
Um aber zu verstehen, was Burnham bei all dem antreibt, wie er erfolgreicher sein möchte als sein Vorgänger Keir Starmer, hilft es, in ein Buch zu blicken, das er 2024 mit dem Bürgermeister von Liverpool, Steve Rotheram, veröffentlicht hat.
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Die beiden steigen mit der Katastrophe von Hillsborough im Jahr 1989 ein. Damals starben im Hillsborough-Stadion von Sheffield bei einem Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest 96 Fußballfans nach einer Massenpanik. Lange mussten die Familienangehörigen kämpfen, damit wenigstens klar wurde, wer für die Tragödie die Schuld trägt. Hillsborough wurde rückblickend ein Ereignis, das aus Sicht der Autoren die Arroganz der Mächtigen illustrierte, wo Behörden und Medien Informationen vertuschten, wo Politik versagte.
Burnham und Rotheram kommen in dem Buch zu dem Schluss: Nicht jedes Leben im Vereinigten Königreich scheint gleich viel wert zu sein. Vielmehr stehe der Umgang der Verantwortlichen mit der Tragödie für den tiefen Graben zwischen dem Norden des Landes und dem fernen London im Süden. Den zu überwinden, sei zu einer Art Leitmotiv von Burnham geworden.
Ein von der Hillsborough-Untersuchungskommission am 26. April 2016 zur Verfügung gestelltes Foto - es zeigt die Leppings-Lane-Tribüne (rechts) im Hillsborough-Stadion in Sheffield, am 15. April 1989.
Jenni Hicks war damals mit ihrem Mann und den beiden Töchtern im Stadion. Sie saß oben auf der Tribüne, die Töchter und der Vater hatten Stehplätze - dort, wo die Panik ausbrach. Von oben konnte sie alles genau beobachten. In ruhigen Worten schildert sie heute, was sie damals fühlte: Es sei ein unheimlicher Moment gewesen. "Das war, als sei die Zeit stehen geblieben. Da ist man in diesem Vakuum der Ungewissheit."
Es dauert Stunden, bis sie herausfindet, wo ihr Mann, wo die Kinder sind. Doch es ist eine schreckliche Gewissheit, die sie erfahren muss. Die beiden Töchter sind tot. Vater Trevor Hicks erinnert sich an die Stunden nach der Katastrophe - an die Polizeibefragung. Er habe eine feindliche Stimmung wahrgenommen.
Sie seien zehnmal gefragt worden, ob sie getrunken hätten. Das war das Bild der Ermittler damals und auch der Politik: betrunkene Fans, die sich gegenseitig zertrampelt hätten. Hicks spricht von einer koordinierten Verschleierung dessen, was passiert war: dass die Polizei falsche Entscheidungen getroffen hatte, immer mehr Fans in einen engen Bereich hineinströmen ließ.
Ein erster Untersuchungsbericht kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Katastrophe ein Unfall war. Klagen gegen die Polizei-Einsatzleitung wurden abgewiesen.
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Zum 20. Jahrestag 2009 sprach Burnham im Anfield-Stadion in Liverpool. Er war damals Minister für Kultur und Sport und hielt eine Rede, wie Politiker sie halten zu solchen Anlässen, doch dann geschah etwas: Die mehr als 35.000 Fans stimmten Gesänge an, "Gerechtigkeit für die 96". Burnham hält inne, nickt, Filmaufnahmen von damals zeigen ihn sichtlich bewegt.
In den Tagen danach brachte er mit dem damaligen Premierminister Gordon Brown eine weitere Untersuchung auf den Weg. Es wurden Dokumente freigegeben und schließlich festgestellt, dass die Polizei falsche Entscheidungen getroffen hatte, die zum Gedränge und damit zum Desaster führten.
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Kaum im Amt des Premierministers, eröffnete Burnham in Manchester einen "zweiten Regierungssitz" namens "No 10 North" - eine Anspielung auf die berühmte Adresse des Regierungssitzes in London. In Interviews machte er deutlich, dass er eine größere finanzielle Selbständigkeit der Regionen anstrebe.
Bislang müssen lokale Verwaltungen für Investitionsprojekte in Westminster vorsprechen, die Regierung genehmigt dann Projekte und gibt das Geld - oder eben nicht. Doch Burnham ist der Ansicht, dass mehr Eigenverantwortlichkeit gut für das Wachstum ist. Vor Ort wüssten die Menschen besser Bescheid, was die Wirtschaft braucht, welche Projekte wichtig sind.
Liverpool ist ein Beispiel dafür. Die Stadt verfügt bereits über ein Budget für Investitionen. Tim Games ist in der Stadtverwaltung zuständig für die Investitionsförderung. Er verfügt über ein Budget von zwei Milliarden Pfund. "Mit der Beteiligung unserer Bürger zum Beispiel, mit Unternehmen, den Hochschulen haben wir ein gutes Gespür für die Wirtschaftslage, Investitions-Möglichkeiten." Das sei zielgerichteter als Projekte, die in der Hauptstadt London geplant würden.
In Liverpool hat unter anderem deswegen der US-Konzern Kyndryl eine große Zweigstelle eröffnet. Das Unternehmen ist auf Künstliche Intelligenz spezialisiert. Im Gespräch erklärt Ismail Amla, Senior Vice President, dass sich Kyndryl wegen der Vernetzung von Universitäten und der Stadt mit dem Unternehmen hier angesiedelt habe. In einem Projekt geht es um die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und den Einsatz autonomer KI-Systeme im britischen Gesundheitsdienst NHS. Darüber hinaus kämen aber auch Kunden aus aller Welt zu Kyndryl nach Liverpool.
Wie die finanzielle Unabhängigkeit der vielen anderen Regionen im Vereinigten Königreich nun verbessert werden kann, ist noch offen. Außerdem steht die Frage im Raum, wie das Vorhaben finanziert werden soll. Großbritannien leidet unter den gestiegenen Zinsen für Staatsanleihen. Das Wirtschaftswachstum könnte stärker sein, wichtige Einnahmen für den Staat und damit auch für die Regionen bleiben aus. Ende Oktober wird Finanzminister John Healey den Haushalt der Regierung vorstellen - mehr Geld als die Vorgängerregierungen wird er nicht zu vergeben haben.
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Dieses Thema im Programm: ARD Europamagazin | Labour Parteitag: wie der neue Premierminister Burnham sein Land gewinnen will | 27.09.2026 | 12:45 Uhr


