Frankfurter Buchmesse von Existenzangst und KI-Sorgen überschattet
Frankfurter Buchmesse 2026 Eine Branche mit Existenzängsten und KI-Sorgen Stand: 06.10.2026 • 06:22 Uhr
Die Leselust sinkt, Läden schließen, die Politik macht Druck. Wird die Krise der deutschen Buchbranche existenziell? Das ist ein bestimmendes Thema, das den Start der 78. Frankfurter Buchmesse überschattet.
Für viele Offenbacherinnen und Offenbacher ist es der Abschluss ihres Wochenmarkt-Einkaufs auf dem Wilhelmsplatz: Im Buchladen am Markt können sie nach aktuellen Krimi-Bestsellern stöbern, finden die Bücher der Shortlist des Deutschen Buchpreises, aber auch queere oder feministische Literatur aus aller Welt - persönliche Beratung inklusive.
Doch damit ist bald Schluss: Zum Jahresende schließt der mehrfach preisgekrönte Buchladen. Zu hoch sind inzwischen die Kosten, wie die Betreiberin jüngst erklärte. Es soll an anderer Stelle weitergehen, mit deutlich verkleinertem Konzept. Daran wird auch eine von über 6.000 Menschen unterschriebene Online-Petition wenig ändern können.
Ob in Offenbach oder anderen deutschen Städten - überall stehen Buchläden vor dem Aus. Allein in den Jahren 2018 bis 2023 musste nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels jede vierte Buchhandlung schließen.
Die Verschiebung vom stationären in den Onlinehandel, explodierende Miet-, Material- und Personalkosten bei gleichzeitig sinkenden Buchverkäufen: Die Buchbranche steckt in einer tiefen Strukturkrise. Zusammen mit den aktuellen politischen Verschiebungen könnte sie nun existenziell werden. All das spiegelt sich - wie schon in den vergangenen Jahren - auch auf der Frankfurter Buchmesse wider.
Dabei könnten die nackten Zahlen der vergangenen 30 Jahre Stabilität vortäuschen. Seit Ende der 1990er-Jahre verzeichnet der Buchmarkt konstant einen Umsatz von rund neun Milliarden Euro. Umgerechnet 9,2 Milliarden waren es 1996 und 9,62 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.
Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich, wie tiefgreifend der Strukturwandel der Branche ist: 2025 verlor der stationäre Buchhandel erneut 3,7 Prozent seines Umsatzes, auch wenn er weiterhin knapp 41 Prozent Marktanteil hält, wie der Börsenverein jüngst mitteilte.
Hinzu kommt, dass die Branche unter anderem aufgrund des demographischen Wandels und der Konkurrenz durch neue (Soziale) Medien kontinuierlich Stammkäuferinnen und -käufer verliert. So war der Aufschrei groß, als der Börsenverein Anfang Juli Zahlen zu Buchkäuferinnen und -käufern zwischen zehn und 15 Jahren veröffentlichte. Deren Käufe gingen allein im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 30,6 Prozent zurück, die Ausgaben in dieser Altersgruppe sanken um 23,8 Prozent.
Den Umsatz der vergangenen Jahre generierte die Branche vor allem durch Preissteigerungen. Nach eigenen Angaben waren diese aufgrund der Buchpreisbindung aber moderat. So kostet ein Hardcover-Bestseller heute durchschnittlich 25 Euro. Gleichzeitig stiegen die Kosten etwa für Papier.
Abgefedert wird die Negativentwicklung durch Genres wie New oder Young Adult - Segmente, die in den Sozialen Medien besprochen und beworben werden und inzwischen den Publikumsbereich der Frankfurter Buchmesse dominieren.
Klassische Sach- und Fachbücher verlieren dagegen an Relevanz, auch weil der Markt mit KI-generierten Inhalten geflutet wird. Der Umsatzverlust durch solche Inhalte lässt sich nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels derzeit nicht genau beziffern. Eine massive Fehlerquote bei den Inhalten verunsichere aber die Käuferinnen und Käufer.
Während das Interesse an Büchern bei älteren Menschen sinkt, werden sie bei jungen Leuten immer beliebter. mehr
Die Umbrüche durch KI, Fragen des Urheberrechts, aber auch der Umgang mit der neuen Technik in allen Produktionsphasen eines Buches sind - vor allem an den Fachbesuchertagen am Mittwoch und Donnerstag - Hauptthemen der Messe.
Verdammen will der Börsenverein des Deutschen Buchhandels KI nicht: Die Technik gehört längst zum Alltag in der Branche, sagt Vorsteher Sebastian Guggolz. In vielen Einsatzfeldern von Verlagen könne sie "zu wirklich sprunghaften Fortschritten führen", etwa bei der Erfassung und Organisation von Daten.
Für rund ein Drittel der Verlage hat KI einer aktuellen Befragung des Börsenvereins zufolge eine hohe Relevanz. Im kreativen Prozess warnt Guggolz aber davor, nur noch "Antworten zu konsumieren, statt Fragen zu stellen". Bekennen sich Autorinnen und Autoren zur Nutzung von KI, löst dies eine bisweilen heftige Debatte aus. Und die seit dem 2. August geltende EU-weite KI-Kennzeichnungspflicht geht einigen Verlagen nicht weit genug: Sie labeln ihre Bücher freiwillig als KI-frei.
Die 78. Buchmesse steht vor der Tür: In neuer Funktion als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels dabei ist Sebastian Guggolz. mehr
Ein weiteres dominierendes Thema ist die sinkende Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler, offenbart durch die jüngste PISA-Studie. Auf diversen Panels wird diskutiert, wie diese wieder gesteigert werden kann.
Kontrovers könnten dabei die politischen Diskussionen werden. Denn die Bundesregierung beklagt die abnehmende Lesekompetenz zwar ebenfalls, lässt aber gleichzeitig das bewährte Leseförderprogramm "Lesestart 1-2-3" auslaufen.
Und auch auf Länderebene wird die Leseförderung zurückgefahren. In Hessen etwa kürzt die Landesregierung bei externen Trägern von Leseförderung. Auch Sprachprogramme in Kitas sind betroffen oder Sozialstunden in Schulen, die für Leseförderung verwendet werden könnten.
Weniger Jugendliche greifen zum Buch. Das hat auch mit nachlassender Lesekompetenz zu tun. mehr
Ein weiteres Hauptthema der Frankfurter Buchmesse sind die politischen Entwicklungen auf internationaler Ebene, aber auch die in Deutschland: Diverse Panels beschäftigen sich mit den Wahlen in Ostdeutschland sowie der Sorge um Meinungsfreiheit, Demokratie und Kulturfreiheit.
Es dürfte unter anderem um den Eklat rund um den Deutschen Buchhandlungspreis gehen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte drei Buchhandlungen wegen vermeintlicher verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse nachträglich von der Nominierungsliste für den Preis gestrichen - ein bislang beispielloses Vorgehen.
Die Branche reagierte empört. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Verbände warnten vor "politischer Willkür", Einschüchterung und einer drohenden "Vorzensur".
Das Verwaltungsgericht Berlin urteilte im Juni 2026 rechtskräftig, dass der Kulturstaatsminister die Betreiberinnen nicht als "politische Extremisten" bezeichnen darf. Ungeachtet dessen kursieren in Kulturbetrieben jetzt Selbstzensursorgen und Ängste vor einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz.
Wie ein Umbau der Kulturlandschaft unter einer rechtspopulistischen Regierung aussieht, zeigt das diesjährige Buchmesse-Gastland Tschechien: Hier strukturiert die Regierung die öffentlich-rechtlichen Medien zu staatlich finanzierten um und weitet damit die staatliche Kontrolle aus. Kritikerinnen und Kritiker werfen der Regierung zudem Eingriffe in die Film- und Literaturszene vor.
So könnte der Auftritt des tschechischen Kulturministers Oto Klempíř für Kontroversen sorgen. Klempíř gehört der rechtspopulistischen "Motoristen"-Partei an, er zeichnet für dem Umbau der öffentlich-rechtlichen Medien des Landes verantwortlich.
Zusammen mit Weimer soll er zur Eröffnung der Buchmesse sprechen. Dieser hatte seinerseits kürzlich eine Privatisierung des ZDF ins Gespräch gebracht. Bereits die Eröffnung könnte also heiß diskutiert werden.
Die Belletristik, die größte Warengruppe, verzeichnete nach Angaben des Börsenvereins ein Umsatzplus von 1,2 Prozent. Dabei nahm der Umsatz mit Young-Adult-Titeln im Vergleich zum Vorjahr um 4,8 Prozent zu, der mit New-Adult-Titeln um 9,6 Prozent. Die Zahl der Käuferinnen und Käufer in den beiden Genres wuchs ebenfalls - um 8,8 Prozent im Vergleich zu 2024 und um 47,5 Prozent seit 2021.
Reisebücher verloren 2025 im Vergleich zum Vorjahr 11,6 Prozent an Umsatz, Ratgeber 8,1 Prozent, Sachbücher 4,6 Prozent und Kinder- und Jugendbücher 2,4 Prozent.
Dieses Thema im Programm: hr info | Nachrichten | 05.10.2026 | 10:19 Uhr
