Acht Mythen und Irrtümer rund um Plastikmüll und Recycling - WELT

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Was denn nun: Einweg oder Mehrweg? Plastik oder Papier? Was beim Trennen – und Vermeiden – von Abfall wirklich wichtig ist. Sarah Maria Brech über das richtige Entsorgungsverhalten.Quelle: WELT/Sarah Brech

Was denn nun: Einweg oder Mehrweg? Plastik oder Papier? Was beim Trennen – und Vermeiden – von Abfall wirklich wichtig ist. Sarah Maria Brech über das richtige Entsorgungsverhalten.Quelle: WELT/Sarah Brech

Sind Coffee-to-go-Becher tatsächlich die Umweltkatastrophe schlechthin? Ist Papier wirklich immer besser als Plastik? Müllvermeidung und Recycling sind zurzeit in aller Munde – und damit auch zahlreiche Mythen und Irrtümer. Mit acht davon räumen wir auf.

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Papier kommt in die blaue Tonne, Bioabfälle in die braune, Verpackungsmüll in die gelbe und der Rest in die schwarze. Wir Deutsche gelten gemeinhin als Meister der Mülltrennung und wollen dabei der Umwelt zuliebe alles richtig machen. Aber tun wir das wirklich?

Denn Fakt ist ebenfalls: Dem Titel steht auch ein negativer Rekord gegenüber. Laut Umweltbundesamt haben wir im Jahr 2016 hierzulande 220,5 Kilogramm Verpackungen pro Kopf verbraucht – so viel wie keiner unserer Nachbarn. Der europäische Durchschnitt liegt bei 167,3 Kilo. Höchste Zeit also, um mit ein paar Mythen und Irrtümern rund um Mülltrennung, Recycling und Plastikabfall aufzuräumen.

Quelle: pa/ZB/Thomas EisenhuthI. Mülltrennung ist doch Quatsch, der Abfall wird doch später sowieso wieder zusammengeworfen!Ganz im Gegenteil! Mülltrennung ist sogar unerlässlich, wobei wir alle gefragt sind, wie uns der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. erzählt.

2016 haben wir in Deutschland insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungen in den Müll geworfen. Davon wurden recycelt:

Quelle: Infografik WELTDie Deutsche Umwelthilfe schätzt diese Quoten allerdings zu hoch ein. Die Zahlen seien schöngerechnet, da „bereits der Input in eine Recyclinganlage als recycelt gewertet wird“. Durch die weitere Bearbeitung geht aber Müll verloren und wird nicht wiederverwendet.

Trotzdem gilt auch laut der Umwelthilfe: „Mülltrennung ist viel umweltfreundlicher, als wenn Verpackungen gemischt im Restmüll entsorgt und dann verbrannt werden.“

Eine Million Meeresvögel und 100.000 Meeressäuger sterben jedes Jahr an Plastikmüll, hinzu kommen ungezählte Fische. Woher kommt das ganze Plastik?Quelle: WELT

Oftmals bestehen Verpackungen aus verschiedenen Materialien, wie zum Beispiel der Briefumschlag aus Papier mit Fenster aus Plastik oder der Frischkäse aus einer Plastikschale mit Aludeckel. Wohin also damit?

„Bei der Entsorgung sollten in jedem Fall die verschiedenen Materialien eines jeden Abfallprodukts so weit wie möglich voneinander getrennt werden, denn umso besser können sie später recycelt werden“, empfiehlt der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V.

Für den Frischkäse bedeutet das: Die Verpackung kann komplett in der Gelben Tonne bzw. dem Gelben Sack geworfen, der Deckel sollte aber von der Schale entfernt werden.

Quelle: Getty Images/Maskot/Helena WahlmanEin Irrglaube, der sich hartnäckig hält: Die Container würden im Müllfahrzeug alle zusammen entleert werden. Was wir allerdings von außen nicht sehen: In den Fahrzeugen befinden sich unterschiedliche Kammern, in die das Altglas nach Farben getrennt geladen wird.

In Deutschland sortieren wir es nach Weiß, Braun und Grün. Das ist notwendig, um daraus später neues Glas in der entsprechenden Farbe herstellen zu können.

Übrigens: Blaues Glas gehört in den Container für grünes, denn das verträgt beim Einschmelzen am ehesten eine Mischung mit sogenannten Fehlfarben. Deckel und Verschlüsse sollten abgedreht und in der Gelben Tonne entsorgt werden.

Um direkt einen weit verbreiteten Mythos aus dem Weg zu räumen: Getränkekartons, wie beispielsweise Tetra Paks, sind es nicht. Ihren guten Ruf verdanken sie ihrem geringen Gewicht, sodass Transportemissionen und -energie eingespart würden. Zudem ließen sie sich besonders gut recyceln und seien aus Holz, also einem nachwachsenden Rohstoff.

Doch all das sei – Entschuldigung – Müll. Laut Deutscher Umwelthilfe rechnen sich die Hersteller die Recyclingquoten schön, nur etwa ein Drittel der Kartons würden tatsächlich aufbereitet. Außerdem seien das Gewicht und der Plastikanteil in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen gebe es sogar Kartons auf dem Markt, die zur Hälfte aus Kunststoff bestehen.

Quelle: Infografik WELTWenn wir also Milch, Saft und Co. besser nicht im Getränkekarton kaufen sollen, in welcher Verpackung denn dann? Dabei gilt: Mehrweg ist grundsätzlich Einweg vorzuziehen.

Würde man alle alkoholfreien Getränke ausschließlich in Mehrweg- statt in Einwegflaschen abfüllen, ließen sich pro Jahr 1,25 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Mehrwegflaschen aus Glas werden tendenziell häufiger wieder befüllt als PET-Mehrwegflaschen. Diese sind dafür leichter und sparen somit Transportenergie.

Leider nein! Damit Papiertüten dem kiloschweren Einkauf Stand halten und nicht reißen, müssen sie viel dicker sein. Dementsprechend mehr Rohstoff, der auch noch chemisch behandelt werden muss, wird verbraucht. Außerdem benötigt die Herstellung der Papiertüte viel mehr Energie und Wasser als ihr Pendant aus Plastik.

Quelle: Infografik WELTAuch die kompostierbaren Bio-Tüten sind keine umweltfreundlichere Alternative gegenüber konventionellen Plastiktüten. In der Regel bestehen sie aus landwirtschaftlichen Nutzpflanzen, wie beispielsweise Mais. Diese werden meistens fernab in den USA angebaut und müssen erst nach Deutschland verschifft werden. Die Pflanzen werden zudem mit Pestiziden gespritzt und chemischen Mitteln gedüngt – beides schädlich für Natur und Umwelt.

Außerdem bauen sich die Bio-Tüten nur unter bestimmten Laborbedingungen schnell und vollständig ab, nicht aber auf dem heimischen Komposthaufen oder im Bio-Abfall. Daher sortieren die meisten Müllanlagen Deutschlands sie aus und verbrennen sie.

Um natürliche Ressourcen zu schonen, sollten wir Kisten, Rucksäcke, Körbe oder wiederverwendbare Tragetaschen verwenden. Die Deutsche Umwelthilfe empfiehlt vor allem Beutel aus recyceltem Kunststoff. Diese lohnen sich schon nach weniger als zehn Nutzungen.

„Aber auch Mehrwegtaschen aus anderen Materialien sind sinnvoll. Durch die Wiederverwendung fallen die Umweltauswirkungen der Herstellung im Vergleich zu den Einwegtüten am Ende nicht mehr ins Gewicht“, erklärt Henriette Schneider von der Deutschen Umwelthilfe.

In Deutschland verbrauchen wir rund 3,1 Milliarden Kaffeekapseln im Jahr. Daraus ergibt sich ein Berg von 8000 Tonnen Verpackungsmüll aus Aluminium und Kunststoff plus 5000 Tonnen Papier.

Quelle: pa/David Ebener/David-Wolfgang EbenerNicht so dramatisch, meinen die Hersteller, schließlich lasse sich Aluminium gut wiederverwerten. Das stimmt auch – zumindest theoretisch. In Deutschland liegt die Recyclingquote von Aluminium laut Umweltbundesamt bei immerhin mehr als 87 Prozent. Das Problem: Die meisten Kaffeetrinker werfen die bunten Kapseln nicht in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack, sondern fälschlicherweise in den Restmüll, der verbrannt wird. Und selbst wenn die Alukapseln eingeschmolzen werden, lassen sich daraus keine neuen herstellen. Diese würden den hohen Temperaturen beim Kaffeebrühen nicht standhalten. Recyceltes Aluminium reicht nur noch für minderwertigere Produkte.

Um die jährlichen 3,1 Milliarden Kaffeekapseln herzustellen, müssen rund 31.000 Tonnen neues Alu aus dem Erz Bauxit gewonnen werden. Das setzt rund 25.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid frei. Zudem wird Regenwald abgeholzt, und der bei der Bauxit-Gewinnung entstehende, sogenannte Rotschlamm vergiftet die benachbarten Landschaften der Minen.

Wer nicht auf seinen Wachmacher aus der Kapselmaschine verzichten will, der sollte Mehrwegkapseln verwenden. Ihre Ökobilanz rechnet sich schon ab der siebten Verwendung.

Quelle: Getty Images/Westend61Hierzulande trinken wir unseren Kaffee jährlich aus rund 2,8 Milliarden Einwegbechern. Hinzu kommen noch 1,3 Milliarden Deckel. Das ergibt nicht nur ziemlich viel Müll, sondern verbraucht auch einige Ressourcen. Konkret: „Die Herstellung dieser Becher verschlingt 38.000 Tonnen Holz, 23.000 Tonnen Rohöl, 2,3 Milliarden Liter Wasser und 390 Millionen Kilowattstunden Energie. Eine Riesenverschwendung dafür, dass so ein Becher bereits nach wenigen Minuten im Müll landet“, bilanziert die Umwelthilfe.

Da für viele von uns kein Kaffee auch keine Lösung ist, rät die Organisation zu langlebigen Mehrwegbechern – gleichwohl aus welchem Material. Lediglich Becher aus Bambus und Maisstärke empfiehlt sie nicht: Diese gehen zu schnell kaputt und seien nicht immer – wie beworben – biologisch abbaubar, sondern werden verbrannt.

Zudem hatte das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart schon 2014 herausgefunden, dass Bambusbecher und -geschirr tatsächlich nur zu 20 bis 37 Prozent aus Bambusfasern bestehen. Der Rest sind Kunststoffe, wie beispielsweise Melaminharz. Und das findet sich dann neben Formaldehyd auch im Kaffee wieder, wie die Stiftung Warentest gerade feststellte. In der Hälfte der getesteten Becher gingen die gesundheitsschädlichen Stoffe auf das Getränk über.

Als besonders umwelt- und verbraucherfreundlich empfehlen die Deutsche Umwelthilfe sowie das Umweltbundesamt Mehrwegbecher mit Pfandsystemen. Dabei erheben Cafés oder Bäckereien für jeden Becher einen Pfand, der dann in diesem oder einem anderen teilnehmenden Geschäft zurückgegeben werden kann. So werden die Becher besonders häufig wiederverwendet, was Ressourcen schont und Müll vermeidet.

Quelle: pa/dpa/Franziska KraufmannAnfang diesen Jahres trat das neue Verpackungsgesetz in Kraft, das deutlich höhere Recyclingquoten vorgibt. So sollen zum Beispiel Kunststoffverpackungen statt bisher zu 36 Prozent, jetzt zu 58,5 Prozent und ab 2022 zu 63 Prozent aufbereitet werden. Nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe hat das Gesetz aber bisher wenig bewirkt.

Es werden keine wirksamen Anreize zur Abfallvermeidung gesetzt. Außerdem fehlen verbindliche Mindeststandards, die Hersteller dazu verpflichten würden, ihre Produkte recyclingfähig zu gestalten

Für uns Verbraucher heißt das: Weiter fleißig Müll zu trennen oder noch besser, erst gar nicht entstehen zu lassen, damit wir nicht mehr nur Meister im Trennen, sondern auch im Müll vermeiden werden.

Original Source
https://www.welt.de/kmpkt/article198117915/Plastikmuell-und-Recycling-Acht-Mythen-und-Irrtuemer.html
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